In dunkler Nacht …


… da geschah es, dass ein Kind geboren und geschieht noch heute,
und nicht jedes Kind wird gleich in Windeln gewickelt und heiß geliebt,
nicht jede Mutter hat die Kraft ihrem Kind zu singen,
nicht jeder Vater die Möglichkeit oder den Willen der Mutter beizustehen.

… ich denke gerade in dieser Zeit an all die ungeliebten Kinder,
die es so schwer haben, von Geburt an,
ja, manchmal frage ich mich, wo bleibt das liebende LEBEN selbst, das diesen Kinder doch den Odem eingab?

Die Weihnachtslegende zeigt uns das Wunder des LEBENS und der LIEBE.
Ich wünsche mir, dass diese wundersame Geschichte für jedes Neugeborene wahr wird: Ich wünsche jedem Kind liebende Eltern und ein liebendes, fürsorgliches Umfeld!

Weihnachten 2015 wordpress

Allen Lesern und Leserinnnen wünsche ich eine frohe, geruhsame Weihnacht im Kreise eurer Lieben!

Holda Stern – Sabina

P.S. Beim Malen dieses Weihnachtsbildes musste ich an eines meiner Lieblingsmärchen denken: „Das Mädchen mit den Streichhölzern“ von Christian Anders.
Die vier Kerzen wiederum erinnern an eine Geschichte, die ich vor einigen Jahren hörte: Nur die Kerze der Hoffnung hatte noch den Mut und den Willen weiter zu brennen, während die Kerze der Liebe, des Friedens und der Freude nicht mehr brennen wollen, weil sie in der Welt weder Liebe noch Frieden noch Freude entdecken können. Zum Schluss aber kommt ein Kind herbei. Das zündet mit dem Licht der Kerze der Hoffnung alle andern Kerzen wieder an.

 

An dieser Stelle möchte ich nun noch eine Weihnachtsgeschichte einfügen, die ich bereits vor einigen Jahren geschrieben habe:

 

Bitte, lasst mich in euer Leben …

„Endlich zuhause, ich hab‘ schon gedacht, ich käme nie an!“ Tom hatte kaum die Haustür geschlossen und den Mantel am Haken gehängt, da schimpfte er schon los.

 

Marlis, die gerade eine spannende Weihnachtsgeschichte las, hob kaum den Kopf, als sie ihn hörte. Es war stets dasselbe Liedchen. Vor allem die letzte Dezemberwoche löste bei ihm üble Laune aus. Die Autobahnen verstopft, in den Städten eine Völkerwanderung und die Hauptverkehrsachse durch den alljährlichen Weihnachtsmarkt lahmgelegt. Grund genug, um abends entnervt und müde nach Hause zu kommen. Dennoch war sie seine Nörgeleien Leid und verschanzte sich lieber hinter ihrem Buch.

 

„Na, meine Süße, was liest du da?“ Tom stand plötzlich vor ihr und versuchte den Buchtitel zu entziffern. „Geschichten zur Weihnacht? Hast du noch nicht genug davon? Ich kann das Wort nicht mehr hören!“ Er warf seinen Schlüsselbund achtlos auf den Tisch, griff zur Fernbedienung und schaltete kurzerhand das Radio aus. „Mensch, Marlis, wirst du dieses Stille-Nacht-Gedudel nie müde?“

 

Marlis blickte hoch. „Nein“, sagte sie, „ich mag Weihnachten! Aber ich verstehe, dass dein Heimweg im Moment ein Spießrutenlauf ist.“ Und nicht nur der Heimweg, sondern die gesamte Weihnachtszeit, dachte sie bei sich, doch wie kann ich jemals seine bösen Erinnerungen verscheuchen? Eine traurige Kindheit wiedergutmachen? Zuviel für mich. Sie sah ihn an, und ihre schwarzen Augen spiegelten die einzige Kerze, die Tom im Wohnzimmer duldete, wie Engelslicht in dunkler Nacht wider.

 

Sie ist wunderschön, aber so melodramatisch, fuhr es Tom durch den Kopf. Diese Weihnachtskrippe, die sie unbedingt aufstellen wollte. Rotgoldene Kugeln am Tannenbaum! Wie kitschig! Er versuchte dennoch ein Lächeln, vielleicht konnte er den Abend doch noch in seine Bahnen lenken. Er wusste nämlich, was er von seiner Süßen wollte!

 

Marlis durchschaute ihn sofort. Aber er wird warten müssen, entschied sie. Sie tastete nach einem Päckchen in ihrer Hosentasche. Dort wartete seit drei Tagen eine süße Überraschung! Seine schlechte Laune hatte sie bisher davon abgehalten, es ihm zu sagen. Jedoch heute, am Weihnachtsabend, war bestimmt der richtige Moment!

Er wird jubeln, sobald er es weiß! Sie stand auf und schenkte ihm Champagner ein.

„Meine Süße will feiern, gleich hier oder im Bett?“, feixte er.

Statt einer Antwort fischte Marlis aus ihrer Hosentasche einen kleinen goldenen Briefumschlag. „Still, öffne lieber mein Geschenk!“ Sie legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen. „Ich will kein Danke hören, du sollst dich nur riesig freuen, bitte!“

 

Tom riss das das Kuvert auf. Ein schwarz-weiß bedrucktes Bild kam hervor. Nicht größer als ein Zettel. „Was ist das denn?“ rief er.

„Weißt du es nicht? Schau genau hin!“ Marlis zeigte auf ein weißes Feld inmitten eines grauen Kreises.

„Sieht aus wie ‘ne Erbse, aber ich versteh nicht die Bohne, was das soll!“

„Das ist ein Ultraschallbild, es … ist unser Kind!“

„Du machst Witze, oder?“

Marlis fuhr unbeirrt weiter. „Das dunkle Knöpfchen ist sein linkes Auge, und diese kugelige Knospe wird bald sein Ärmchen. Schön nicht?“

„Schön? Wir wollten keine Kinder! Hast du etwa die Pille vergessen?“

„Nein, habe ich nicht! Und ja, wir wollten keine Kinder, aber es ist nun einmal geschehen! Ach Tom, ist dieses Kindchen nicht wie ein Weihnachtsengel, der um Einlass in unser Leben bittet?“ Ihre Stimme stockte und sie verknotete nervös ihre Hände, als sie seine versteinerte Miene sah.

„Du spinnst doch!“ Er griff sie am Unterarm und zwang sie, sich neben ihn zu setzen. „Ein Engel! Dass ich nicht lache. Weißt du, was so ein Engel kostet? Hast du mal darüber nachgedacht? Wie bezahlen wir die Raten für die Villa, für den neuen Porsche? Wir wollten frei sein, uns amüsieren, reisen, aber ohne eine Bande Blagen im Gepäck!“

Marlis weinte inzwischen, jedoch Tom tobte weiter. „Du wirst dieses Kind abtreiben, hörst du!“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich töte mein Kind nicht! Niemals!“

„Meine Liebe, ich sage dir eins: Ich oder dieses Kind!“

Marlis hielt sich die rechte Hand vor ihre Lippen. Ihre Schultern bebten, und sie versuchte vergeblich ihr Schluchzen zu unterdrücken.

Tom betrachtete sie hart, dann sprang er auf, ergriff die Schlüssel und schnaubte ihr zu: „Entscheide dich, ich gebe dir zwei Stunden Zeit!“

 

Die Fensterscheiben klirrten, als er die Haustür hinter sich zuwarf.

Er stieg ohne einen Blick zurück zu werfen in seinen nagelneuen Porsche, doch der sprang nicht gleich an, als wollte er die Fahrt verhindern.
Tom gab nicht nach, und so schoss der Sportwagen wenige Minuten später auf die dunkle Landstraße hinaus.

„Zeig, was du kannst, mein Kleiner“, flüsterte Tom erregt, als er auf die Autobahn auffuhr. Die linke Bahn war leer, die Lichter flitzten wie Nachtinsekten vorbei.

Plötzlich aber ging ein Zittern durch das gequälte Fahrzeug. Tom bremste heftig ab, doch der Wagen raste in ungebrochener Geschwindigkeit auf die Leitplanken zu.

Dann, wie aus dem Himmel, ein gleißender Strahl! In Zeit eines Flügelschlags stellte das Auto sich quer zu den Leitplanken und blieb unvermittelt stehen.

Starr vor Schreck blieb Tom sitzen. In seinem Kopf schwirrten Stimmen, schwollen zu einem schmerzhaften Dröhnen an. „Entscheide du dich! Mit dem Herzen!“

„Ja, ja!“, brüllte Tom.

Stille trat ein. Sanft und kühl wie ein Wattebausch mit Rosenwasser getränkt.

Tom dehnte seine Arme, bewegte seine Beine. Mir ist nichts passiert, nicht einmal eine Prellung. Ein Wunder, dass ich noch lebe … und seltsam, dieser Lichtstrahl vorhin, dachte er. Er zitterte, als er das Fahrzeug wieder startete.

 

Marlis Auto stand bei seiner Ankunft nicht mehr in der Garage.

Auf dem Sofa lag ein Zettel: „Ich werde unser Kind nicht töten!“

Er stieß einen bösen Laut aus und zerriss das Papier.

In dem Moment polterte etwas hinter ihm und er wandte sich um.

Auf dem Boden, just vor dem Bücherregal, lag ein dickes, hellgelbes Buch. Sein Deckel zierte ein bunter Clown, der ein tiefrotes Herz vor seine Brust hielt. Es war das Album mit seinen Kindheitsfotos! Hatte er es nicht vor einigen Monaten in den Müll geworfen? Marlis! Aber nein, er hatte es selbst frühmorgens in den Container entsorgt und kurz darauf der Müllabfuhr nachgeschaut. Vielleicht war es doch nicht sein Album … Seine Handflächen begannen zu schwitzen, als er es langsam öffnete.

Wie ein schneeweißer Vogel flatterte etwas zu Boden. Als er es aufhob, erkannte er gleich ein Ultraschallfoto. Nanu, so etwas gab es damals nicht! Hatte Marlis eine Kopie hier versteckt? Etwas flackerte am unteren Bildrand. Zunächst undeutlich, doch dann erkannte er die Inschrift: „† Manuel 24.12.2015“

„Das ist heute!“ Seine Beine knickten ein, wollten ihn nicht mehr tragen. Doch bevor er sich auf die Couch setzen konnte, erklang ein herzzerreißendes Weinen. Drang durch Mauern und Fenster. Er rannte in den Vorgarten, von dort auf die Straße. Jedoch nirgendwo ein Kind zu sehen.

Nur die Alarmanlage seines Porsche hupte wie besessen. „Marlis!“, durchfuhr es ihn wie ein Blitz. War sie zu ihren Eltern gefahren? Und vor allem, war sie unversehrt dort angekommen?

 

Unterwegs schalt er sich selbst. Bestimmt war nur eine Katze auf den Wagen gesprungen und hatte den Alarm ausgelöst, bestimmt schlief Marlis schon tief und fest in ihrem ehemaligen Kinderzimmer. Aber warum schnürte ihm die Angst die Kehle zu? Wenige Minuten später bog er in Marlis Heimatdorf ein.

 

Vor dem Haus seiner Schwiegereltern stand ein Krankenwagen. Während Tom noch einparkte, öffnete sich die Haustür und jemand wurde auf einer Bahre hinausgetragen. Tom rannte hinzu und erkannte gleich das zarte Gesicht, umrahmt von langen dunklen Haaren.

„Marlis, ich bin da, alles wird wieder gut!“ rief er, aber der Pfleger verschloss ohne Zögern die Türen der Ambulanz.

 

„Ihre Frau hat einen guten Schutzengel!“, sagte der Frauenarzt wenige Stunden später zu Tom. „Die Blutungen haben sehr schnell aufgehört, das Embryo ist wohlauf. Übrigens, sie möchte das Kind „Manuel“ nennen. Ein verheißungsvoller Name! Nun … ich will sie nicht länger aufhalten. Gesegnete Weihnachten wünsche ich Ihnen!“

Tom schluckte. „Danke, Ihnen auch, frohes Fest.“

Der Arzt lächelte, dann entfernte er sich. Ein Lichtschimmer, wie Sternenstaub, folgte ihm.

Tom wischte sich die Augen. Ein Schutzengel? Soll ich das glauben oder nicht? Vielleicht gibt es zumindest Weihnachten wirklich …

 

Dann öffnete er behutsam die Tür zum Krankenzimmer. Marlis lag mit geöffneten Augen da und hielt sich die Hände schützend vor den Bauch. „Tom?“, flüsterte sie.

„Pst! Du musst dich jetzt schonen. Dich und diesen … Weihnachtsengel!“ Er strich ihr eine dunkle Strähne aus der heißen Stirn. „Ihr seid doch das Liebste, was ich auf der Welt habe!“

„Ihr?“

„Ja!“ Er räusperte sich und wie ein Bote, der eine gute Nachricht bringt, stellte er sich aufrecht in den Raum. „Hiermit sei es der Welt gekündet: Ab heute sind wir drei! Marlis, Tom und Manuel! Frohe gesegnete Weihnachten wünsche ich euch allen!“

 

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4 Gedanken zu “In dunkler Nacht …

  1. Meist werden sie doch geliebt, wenn sie bis da sind … doch viele Mütter und Vater schaffen die auf sie zukommenden Anforderungen nicht. Viele Eltern müssen die Erziehung allein deichseln … und das geht nicht immer gut aus …
    Liebe Grüße, feiert ein gutes Weihnachtsfest!

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo Sabina
    Die Geschichte von Tom und Marlies gefällt mir sehr gut. Ich mag Happy-ends.

    Deine Gedanken über die Zeitverrinnung und das Zurücklehnen mit einer Tasse Kaffee stimmten mich behaglich. In dem Sinne frohes Neues Jahr.

    Gefällt 1 Person

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