„Der kokette Engel“ (Resonanz zu Paul Klees Engel)


Ihr Lieben,

wieder einmal habe ich mich mit einem der Engel Paul Klees beschäftigt. Diesmal mit seinem „koketten“ Engel. Bild und Gedicht waren eine Schwergeburt! Mit „Koketterie“ habe ich nun einmal so gar nichts am Hut, auch wenn ich mich an schönen Mustern und Farben an meiner Kleidung erfreue oder mich ab und zu schminke … ich würde mich eher als einen sinn-lichen Mensch bezeichnen …

Bild und Gedicht konnten erst nach der Niederschrift des Märchens entstehen. Sie sind sozusagen die Essenz, die dem Märchen zugrunde liegt. Deshalb stelle ich hier meine Resonanz zum Thema in der Reihenfolge ein, wie sie entstanden ist:

Der kokette Engel

Weil der kokette Engel nicht Obacht gegeben hatte, fiel er von der weißen Wolke, auf die er und seine Mitstreiter, äh, seine Mitsänger sich zum Neujahrskonzert versammelt hatten.

Schuld war der Spiegel, in dem er sich während jeder noch so kleinen Gesangspause betrachtete. Zu seinem Glück fiel der Spiegel ihm, noch während er von der Wolke kippte, aus der feinen Engelshand. Seine filigranen Engelsflügel konnten sich nämlich nur dann zu einem Fallschirm aufspannen, wenn er mit beiden Händen gleichzeitig an zwei goldene Kordeln zog, die seitlich an seiner schlanken Taille baumelten. Diesmal geistesgegenwärtig genug zog er heftig an beide Kordeln und so landete er nach einer Weile unversehrt, wenn auch unsanft auf den Boden von Mütterchen Erde. „Auatsch“, schimpfte er und rieb sich den Hintern. Ziemlich unkokett für einen so koketten Engel, aber wir mögen es ihm verzeihen. In einer solch unpässlichen Lage!
Der kokette Engel blickte hilfesuchend nach oben, aber die weiße Wolke, auf der seine Kollegen sich befanden, war längst weiter geflogen. Niemand hatte die Notbremse gezogen, und seinem Hilferuf war nur belustigtes Kichern und schadenfrohes Grinsen gefolgt. Hatte der kokette Engel nicht mindestens 1000 Mal seinen Einsatz verpasst, weil er sich wieder nicht von seinem Spiegelbild lösen konnte?

„Den wären wir gut los“, brummte Erzengel Gabriel, und Erzengel Michael fügte hinzu: „Der Teufel soll ihn holen!“

Dieser Ausspruch rief nun seinerseits Väterchen Gott auf den Plan. Zunächst drohte er den beiden Erzengeln mit seinem riesigen Zeigefinger, dann fasste er hurtig den koketten Engel am Kragen, um dessen Fall etwas abzumildern. Etwas, wie gesagt. Denn Strafe muss sein, nicht wahr?

So kam es, dass unser kokettes Engelchen einigermaßen unversehrt, von einem vermatschten, schmerzenden Hintern mal abgesehen, auf Mütterchen Erde landete. Was nun? Der Engel blickte um sich. Zumindest seinen geliebten Spiegel wollte er zurückfinden, denn ohne diesen fühlte er sich nackt wie ein Engel nach dem Bad ohne Flügel. Weit konnte der Spiegel doch nicht sein, oder? Also machte er sich auf die Suche. Lief hierhin. Lief dorthin. Guckte unter die Wurzeln einer alten Eiche, kramte in einem Baumloch, befragte das darin wohnende Eichhörnchen und suchte zusammen mit einer Horde Totenkäfern den Erdboden ab. Der Spiegel aber war und blieb verschwunden.
Müde und traurig setzte er sich auf ein weiches Polsterkissen aus Moos. Vielleicht sieht Väterchen Gott mich und holt mich zurück, dachte er.

Väterchen Gott indes dachte nicht daran! Vielmehr überlegte er, wie er diesem, ach so koketten Engel eine Lektion erteilen könne. Also eine Art Entwicklungshilfe. Heutzutage machte man das so in der Erziehung, das hatte Väterchen Gott in den letzten Jahren dazugelernt. Hin und wieder konnte man ja etwas von den Menschen lernen, nicht wahr?
Väterchen Gott dachte tief nach und hatte plötzlich eine Idee! Die fand er so genial (und auch ziemlich modern), dass sich tief in seinem Bauch ein Lachen bildete. Er lachte so laut los, dass die Engel im Himmel sich zunächst erschraken, auseinanderstoben, sich dann wieder einfanden und dann allesamt von dem Gelächter angesteckt wurden und lachten und lachten, bis die Tränen ihnen die Wangen hinunterkullerten und ihre Bäuchlein schmerzten.

Indes waren dem koketten Engel die Augen vor Müdigkeit zugefallen. Er tat einen tiefen, traurigen Seufzer und schlief ein.

Um ihn herum erwachten die Gräser und Moose zum Leben. Sie wisperten und flüsterten, raschelten und zischelten einander zu. Der arme, hübsche Engel. Wie fein seine goldenen Locken. Augen so blau wie Waldveilchen. Und seht doch: So ein wunderbar golden durchwirktes Kleidchen. Schade, dass er seinen Spiegel verloren hat. Spiegel? Ja, sein Engelspiegel. Magische Kräfte soll er haben. Der Spiegel? Wo ist er nur? Wir sollten unsere Verwandten draußen auf der Lichtung befragen, ob der Spiegel womöglich dorthin gestürzt ist. Gestürzt? Ja, der Engel ist ja vom Himmel gefallen. Armer, koketter Engel. Das hat er nun davon. Wovon? Na, von seiner Koketterie, seiner Eitelkeit. Ob der Spiegel daran schuld ist?

„Ach, hört doch auf!“, riefen die Wiesenkräuter, „wir wollen lieber den Spiegel suchen. Ein magischer Spiegel, das ist mal etwas Spannendes!“

Nun suchte man gemeinsam nach dem Spiegel. Die Gräser und Kräuter, die Moose und Blümlein. Auch die Eulen und Mäuslein, die Nachtfalter und Fledermäuse wurden eingespannt.
Endlich rief ein besonders großer Nachtfalter: „Ich habe ihn!“
Alle eilten zu ihm hin. Da lag der Spiegel, einsam, am Rande der Quelle, welche mitten in der Lichtung lustig sprudelte.
„Ein Glück, dass noch niemand ihn zertreten hat. Es wäre schade um den magischen Spiegel!“ Die Eule fischte den Spiegel behutsam aus dem Wasser.
„Seht mal, er ist golden und silbrig umrandet! Oh, der ist schön!“

Es dauerte nicht lange und schon war ein Gerangel um den Spiegel ausgebrochen. Jeder wollte einen Blick hineinwerfen und sehen wie hübsch das eigene Gesicht sei: Naja, ging so. Man müsste dringend zum Frisör, sich die Barthaare schneiden oder sonst wo den Flor stutzen. Enttäuschung machte sich breit und die Tiere trotteten ziemlich ernüchtert zurück in den Wald, wo der Engel noch immer schlief.

„Ich frage mich, was dieser Engel an dem Spiegel findet. Ich auch. Und ich genauso“, murrten sie, als sie wieder vor ihm standen.
„Lass uns den Spiegel in seine Hand legen und dann von hier verschwinden“, meinte die Eule, „die Sonne steht bald auf und ich brauche dringend eine Mütze Schlaf.“
„Ich auch. Und ich genauso. Ich ebenfalls. Gute Nacht, allerseits!“, meinten die andern Tiere und einer nach dem andern strebte seiner Bettstatt zu.

Es wurde einen Moment lang mucksmäuschenstill im Wald. Die Nachttiere ruhten in ihren Betten. Sogar die Gräser und Moose waren eingenickt oder tranken genüsslich an dem frischen Morgentau, der sich über Nacht gebildet hatte.

Dann plötzlich hüpften kleine Sonnenkinder über das glitzernde Moos, tanzten mit den Waldveilchen und als sie den Schlafenden dort liegen sahen, kitzelten die Schelme dem koketten Engel an die Nase.
„He, was ist das?“ Der kokette Engel öffnete seine Augen.

Wunderbar war der Wald anzusehen, wie er da stand im goldenen Morgenlicht.

Etwas in des Engels Hand blitzte auf. Ein Sonnenstrahl war in das Spiegelglas gefallen und rieb sich den Allerwertesten. „Aua, was für ein hartes Teil ist das denn?“, schimpfte er und kletterte eilends hinunter.

Der kokette Engel aber freute sich wie ein Hans im Glück, als er seinen geliebten Spiegel erkannte. Sogleich hielt er ihn vor sein Gesicht und betrachtete sich ausgiebig. Von vorn. Von links. Von rechts. Von hinten. Und wieder von vorn. Ach, wie schön war es, sich wieder betrachten zu können. Die goldenen Locken hin und herschieben. Das Kinn heraus. Das Kinn herein. Die Lippen spitz. Die Lippen rund. Die blauen Augen auf und zu. Welch ein herrliches Leben!
Dem koketten Engel war als habe er nie etwas Schöneres gesehen. Je länger er sich betrachtete, je größer und erhabener kam er sich vor. Er, der allerhübscheste, intelligenteste Engel unter allen Engeln!

Der kokette Engel begann ein Tänzchen, drehte und wirbelte durch den Wald wie ein verrückt gewordener Kreisel.
Plötzlich jedoch wurde ihm schwindelig und er ließ sich ins Gras fallen. Da grummelte sein Bauch gewaltig, denn der Engel hatte seit Stunden nichts mehr gegessen.

Er erinnerte sich wie er von der weißen Wolke gestürzt und auf Mütterchen Erde gelandet war. Ihm wurde klar, dass er einsam in einem fremden Wald saß. Er rief leise nach den Tieren, die ihm gestern bei der Suche nach dem Spiegel geholfen hatten, doch niemand antwortete. Er blickte nach oben in den Himmel, aber Gott Väterchens Thron war nirgends zu sehen.
„Ich werde in die Spitze eines Baumes fliegen, vielleicht kann mich dort einer der Engel sehen.“ Er breitete seine Flügel aus und begann sie auf und ab zu bewegen, aber er hob keinen Zentimeter vom Boden ab. „Was ist nur los?“, dachte er, „ob ich zu schwer bin?“ Er schaute prüfend an sich hinunter, konnte aber nichts finden, was so schwer wog. „Also noch einmal probieren.“ Wieder stellte er sich in Position und versuchte zu fliegen.

Es half alles nichts. Er konnte einfach nicht abheben. Nochmals blickte er an sich hinunter, nahm sogar den Spiegel zu Hilfe. Aber, was war das? Der Spiegel in seiner Hand wog immerzu schwerer, so schwer wie eine Tonne Gold! Und noch seltsamer, der Spiegel war mit seiner Hand verwachsen. Ja, ärger noch, wo vorher seine linke Hand gewesen war, war nur noch der goldene Griff des Spiegels zu erkennen. Der kokette Engel war völlig eins geworden mit seinem Spiegel, und dieser war zu einer riesigen Größe herangewachsen.
Jedoch, die Flügel des Engels waren verkümmert. Winzig und kraftlos hingen sie an den Schultern des Engels.

„Meine Flügel! Was ist mit ihnen geschehen?“ Tränen schossen dem Engel in die Augen und sie kullerten platschplatsch ins grüne Moos.

„Brrr, widerlich!“ Das Moos schüttelte seine Mähne. Wo kommt denn all das Salzwasser her? Ist das Weintau aus dem Discounter?“
„Nein, ich bin’s“, schniefte der Engel.
„Du bist aber groß geworden, seit ich dich letzte Nacht gesehen habe“, murmelte das Moos. Bloß deine Flügel … sag bloß, du kannst nicht mehr in den Himmel zurück?“

„Ich glaube, ich bin mit meinem Spiegel verwachsen und jetzt bin ich viel zu schwer und zu groß. Was soll ich nur machen?“

„Wann genau bist du so groß und schwer geworden?“, fragte das Moos.

Der Engel fasste sich an den Kopf. „Das ist es! Als ich mich immer wieder im Spiegel betrachtet habe, habe ich nur noch mich gesehen. Alles andere habe ich nicht mehr wahrgenommen. Es gab nur noch mich. Ich fing an zu glauben, ich sei der Schönste, der Größte, …“

„Ja, ja, ich habe schon verstanden, du bist zu deinem Spiegelbild geworden“, brummte das Moos. Das hast du dir selbst eingebrockt! Und jetzt, was glaubst du, wer du bist? Wirklich bist?“

„Ein kleiner, einsamer Engel, der ziemlich selbstsüchtig war. Ja, und deswegen habe ich wohl keine Freunde, ich habe immer nur mich selbst gesehen. Schlimm, oder?

„Ja, ziemlich schlimm!“, meinte das Moos streng. „Aber du kannst dich ändern, wenn du nur willst!“

„Ich könnte zum Beispiel nur noch morgens in den Spiegel schauen. Ich könnte ordentlich im Himmelschor mitsingen, obwohl, das ist mir oft zu langweilig. Ich könnte Väterchen Gott um eine andere Aufgabe bitten. Eine, die zu mir passt.“

„Nicht schlecht für den Anfang“, meinte das Moos. „Oh, ich glaube, da kommt wer für dich!“

Tatsächlich schob sich nun ein Finger Gottes durch die Baumwipfel hindurch und berührte den koketten Engel.

Mit einem Mal löste sich der Spiegel, und die Hand des koketten Engels erschien wieder. Die Engelsflügel nahmen wieder ihre gewohnte Gestalt an, während der Engel schrumpfte, bis er genau in Gott Väterchens Hand passte. Zusammen stiegen sie in den Himmel hinauf.

Im Himmel angekommen reichte Väterchen Gott dem Engel den Spiegel in die Hand. „Nun, lieber Engel, was möchtest du von heute an in deinem Spiegel sehen?“

Der kokette Engel drehte den Spiegel unschlüssig hin und her, wagte aber nicht einen Blick hineinzuwerfen. Denn er wollte nie, nie mehr selbstsüchtig und eitel sein!

Väterchen Gott ließ ihn zur Probe noch eine Weile gewähren und schmunzelte anerkennend, als er in den Gedanken seines Engels las. Endlich ergriff er den Kleinen und hob ihn zu sich auf den goldenen Thron. „Nun?“, fragte er und zwinkerte ein bisschen mit den Augen.

Der kokette Engel seufzte erleichtert. „Kann ich auch etwas Anderes sehen als mich selbst?“, fragte er dann.“

„Ja, klar. Schließlich ist das ein Engel-Spiegel aus der himmlischen Engel-Glasmanufaktur! Du kannst darin alles sehen, was du willst. Du musst dich nur entscheiden!“

Der Engel dachte an die vergangenen Erlebnisse auf Mütterchen Erde zurück. „Also dann möchte ich alle Wesen sehen können, die so wie ich verlernt haben aufeinander zu achten und nur noch sich selbst kennen. Ich möchte zu ihnen hinfliegen können und ihnen meine Geschichte erzählen.“
Väterchen Gott lächelte und drückte dem kleinen Engel seinen Spiegel wieder in die Hand.

„Könnte ich auch einen neuen Namen bekommen, jetzt wo ich nicht mehr so kokett und selbstsüchtig bin?“

„Mmh … wie wäre es mit „Achtsamer Engel“? fragte Väterchen Gott.

„Oh, das ist ein toller Name. Der steht mir gut. Danke, Väterchen Gott!“ Der Engel drückte ihm einen schmatzenden Kuss auf die Wange.

Ein bisschen kokett ist er halt doch noch, unser Engel …

 

Sabina – ©Holda Stern 12.1.2016

 

Paul Klee Koketter Engel blog
Resonanzbild zu Paul Klees Engel: Der kokette Engel

 

gib einem koketten Engel niemals einen Spiegel

in die Engelshand

sein Spiegelbild wird ihn zu Fall bringen

© Holda Stern 14.1.2016

 

Erkennt eure Talente, erkennt euch selbst und habt Freude an euch selbst, mögt euch so wie ihr seid. Das ist gut und genug. Bringt euch in die Welt ein gerade so wie ihr es vermögt. Nicht mehr und nicht weniger. Dann ist es gut.

Ein gutes Wochenende wünsche ich euch und euren Lieben!

Liebe Grüße,  eure Holda Stern – Sabina

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In dunkler Nacht …


… da geschah es, dass ein Kind geboren und geschieht noch heute,
und nicht jedes Kind wird gleich in Windeln gewickelt und heiß geliebt,
nicht jede Mutter hat die Kraft ihrem Kind zu singen,
nicht jeder Vater die Möglichkeit oder den Willen der Mutter beizustehen.

… ich denke gerade in dieser Zeit an all die ungeliebten Kinder,
die es so schwer haben, von Geburt an,
ja, manchmal frage ich mich, wo bleibt das liebende LEBEN selbst, das diesen Kinder doch den Odem eingab?

Die Weihnachtslegende zeigt uns das Wunder des LEBENS und der LIEBE.
Ich wünsche mir, dass diese wundersame Geschichte für jedes Neugeborene wahr wird: Ich wünsche jedem Kind liebende Eltern und ein liebendes, fürsorgliches Umfeld!

Weihnachten 2015 wordpress

Allen Lesern und Leserinnnen wünsche ich eine frohe, geruhsame Weihnacht im Kreise eurer Lieben!

Holda Stern – Sabina

P.S. Beim Malen dieses Weihnachtsbildes musste ich an eines meiner Lieblingsmärchen denken: „Das Mädchen mit den Streichhölzern“ von Christian Anders.
Die vier Kerzen wiederum erinnern an eine Geschichte, die ich vor einigen Jahren hörte: Nur die Kerze der Hoffnung hatte noch den Mut und den Willen weiter zu brennen, während die Kerze der Liebe, des Friedens und der Freude nicht mehr brennen wollen, weil sie in der Welt weder Liebe noch Frieden noch Freude entdecken können. Zum Schluss aber kommt ein Kind herbei. Das zündet mit dem Licht der Kerze der Hoffnung alle andern Kerzen wieder an.

 

An dieser Stelle möchte ich nun noch eine Weihnachtsgeschichte einfügen, die ich bereits vor einigen Jahren geschrieben habe:

 

Bitte, lasst mich in euer Leben …

„Endlich zuhause, ich hab‘ schon gedacht, ich käme nie an!“ Tom hatte kaum die Haustür geschlossen und den Mantel am Haken gehängt, da schimpfte er schon los.

 

Marlis, die gerade eine spannende Weihnachtsgeschichte las, hob kaum den Kopf, als sie ihn hörte. Es war stets dasselbe Liedchen. Vor allem die letzte Dezemberwoche löste bei ihm üble Laune aus. Die Autobahnen verstopft, in den Städten eine Völkerwanderung und die Hauptverkehrsachse durch den alljährlichen Weihnachtsmarkt lahmgelegt. Grund genug, um abends entnervt und müde nach Hause zu kommen. Dennoch war sie seine Nörgeleien Leid und verschanzte sich lieber hinter ihrem Buch.

 

„Na, meine Süße, was liest du da?“ Tom stand plötzlich vor ihr und versuchte den Buchtitel zu entziffern. „Geschichten zur Weihnacht? Hast du noch nicht genug davon? Ich kann das Wort nicht mehr hören!“ Er warf seinen Schlüsselbund achtlos auf den Tisch, griff zur Fernbedienung und schaltete kurzerhand das Radio aus. „Mensch, Marlis, wirst du dieses Stille-Nacht-Gedudel nie müde?“

 

Marlis blickte hoch. „Nein“, sagte sie, „ich mag Weihnachten! Aber ich verstehe, dass dein Heimweg im Moment ein Spießrutenlauf ist.“ Und nicht nur der Heimweg, sondern die gesamte Weihnachtszeit, dachte sie bei sich, doch wie kann ich jemals seine bösen Erinnerungen verscheuchen? Eine traurige Kindheit wiedergutmachen? Zuviel für mich. Sie sah ihn an, und ihre schwarzen Augen spiegelten die einzige Kerze, die Tom im Wohnzimmer duldete, wie Engelslicht in dunkler Nacht wider.

 

Sie ist wunderschön, aber so melodramatisch, fuhr es Tom durch den Kopf. Diese Weihnachtskrippe, die sie unbedingt aufstellen wollte. Rotgoldene Kugeln am Tannenbaum! Wie kitschig! Er versuchte dennoch ein Lächeln, vielleicht konnte er den Abend doch noch in seine Bahnen lenken. Er wusste nämlich, was er von seiner Süßen wollte!

 

Marlis durchschaute ihn sofort. Aber er wird warten müssen, entschied sie. Sie tastete nach einem Päckchen in ihrer Hosentasche. Dort wartete seit drei Tagen eine süße Überraschung! Seine schlechte Laune hatte sie bisher davon abgehalten, es ihm zu sagen. Jedoch heute, am Weihnachtsabend, war bestimmt der richtige Moment!

Er wird jubeln, sobald er es weiß! Sie stand auf und schenkte ihm Champagner ein.

„Meine Süße will feiern, gleich hier oder im Bett?“, feixte er.

Statt einer Antwort fischte Marlis aus ihrer Hosentasche einen kleinen goldenen Briefumschlag. „Still, öffne lieber mein Geschenk!“ Sie legte ihren Zeigefinger auf seine Lippen. „Ich will kein Danke hören, du sollst dich nur riesig freuen, bitte!“

 

Tom riss das das Kuvert auf. Ein schwarz-weiß bedrucktes Bild kam hervor. Nicht größer als ein Zettel. „Was ist das denn?“ rief er.

„Weißt du es nicht? Schau genau hin!“ Marlis zeigte auf ein weißes Feld inmitten eines grauen Kreises.

„Sieht aus wie ‘ne Erbse, aber ich versteh nicht die Bohne, was das soll!“

„Das ist ein Ultraschallbild, es … ist unser Kind!“

„Du machst Witze, oder?“

Marlis fuhr unbeirrt weiter. „Das dunkle Knöpfchen ist sein linkes Auge, und diese kugelige Knospe wird bald sein Ärmchen. Schön nicht?“

„Schön? Wir wollten keine Kinder! Hast du etwa die Pille vergessen?“

„Nein, habe ich nicht! Und ja, wir wollten keine Kinder, aber es ist nun einmal geschehen! Ach Tom, ist dieses Kindchen nicht wie ein Weihnachtsengel, der um Einlass in unser Leben bittet?“ Ihre Stimme stockte und sie verknotete nervös ihre Hände, als sie seine versteinerte Miene sah.

„Du spinnst doch!“ Er griff sie am Unterarm und zwang sie, sich neben ihn zu setzen. „Ein Engel! Dass ich nicht lache. Weißt du, was so ein Engel kostet? Hast du mal darüber nachgedacht? Wie bezahlen wir die Raten für die Villa, für den neuen Porsche? Wir wollten frei sein, uns amüsieren, reisen, aber ohne eine Bande Blagen im Gepäck!“

Marlis weinte inzwischen, jedoch Tom tobte weiter. „Du wirst dieses Kind abtreiben, hörst du!“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich töte mein Kind nicht! Niemals!“

„Meine Liebe, ich sage dir eins: Ich oder dieses Kind!“

Marlis hielt sich die rechte Hand vor ihre Lippen. Ihre Schultern bebten, und sie versuchte vergeblich ihr Schluchzen zu unterdrücken.

Tom betrachtete sie hart, dann sprang er auf, ergriff die Schlüssel und schnaubte ihr zu: „Entscheide dich, ich gebe dir zwei Stunden Zeit!“

 

Die Fensterscheiben klirrten, als er die Haustür hinter sich zuwarf.

Er stieg ohne einen Blick zurück zu werfen in seinen nagelneuen Porsche, doch der sprang nicht gleich an, als wollte er die Fahrt verhindern.
Tom gab nicht nach, und so schoss der Sportwagen wenige Minuten später auf die dunkle Landstraße hinaus.

„Zeig, was du kannst, mein Kleiner“, flüsterte Tom erregt, als er auf die Autobahn auffuhr. Die linke Bahn war leer, die Lichter flitzten wie Nachtinsekten vorbei.

Plötzlich aber ging ein Zittern durch das gequälte Fahrzeug. Tom bremste heftig ab, doch der Wagen raste in ungebrochener Geschwindigkeit auf die Leitplanken zu.

Dann, wie aus dem Himmel, ein gleißender Strahl! In Zeit eines Flügelschlags stellte das Auto sich quer zu den Leitplanken und blieb unvermittelt stehen.

Starr vor Schreck blieb Tom sitzen. In seinem Kopf schwirrten Stimmen, schwollen zu einem schmerzhaften Dröhnen an. „Entscheide du dich! Mit dem Herzen!“

„Ja, ja!“, brüllte Tom.

Stille trat ein. Sanft und kühl wie ein Wattebausch mit Rosenwasser getränkt.

Tom dehnte seine Arme, bewegte seine Beine. Mir ist nichts passiert, nicht einmal eine Prellung. Ein Wunder, dass ich noch lebe … und seltsam, dieser Lichtstrahl vorhin, dachte er. Er zitterte, als er das Fahrzeug wieder startete.

 

Marlis Auto stand bei seiner Ankunft nicht mehr in der Garage.

Auf dem Sofa lag ein Zettel: „Ich werde unser Kind nicht töten!“

Er stieß einen bösen Laut aus und zerriss das Papier.

In dem Moment polterte etwas hinter ihm und er wandte sich um.

Auf dem Boden, just vor dem Bücherregal, lag ein dickes, hellgelbes Buch. Sein Deckel zierte ein bunter Clown, der ein tiefrotes Herz vor seine Brust hielt. Es war das Album mit seinen Kindheitsfotos! Hatte er es nicht vor einigen Monaten in den Müll geworfen? Marlis! Aber nein, er hatte es selbst frühmorgens in den Container entsorgt und kurz darauf der Müllabfuhr nachgeschaut. Vielleicht war es doch nicht sein Album … Seine Handflächen begannen zu schwitzen, als er es langsam öffnete.

Wie ein schneeweißer Vogel flatterte etwas zu Boden. Als er es aufhob, erkannte er gleich ein Ultraschallfoto. Nanu, so etwas gab es damals nicht! Hatte Marlis eine Kopie hier versteckt? Etwas flackerte am unteren Bildrand. Zunächst undeutlich, doch dann erkannte er die Inschrift: „† Manuel 24.12.2015“

„Das ist heute!“ Seine Beine knickten ein, wollten ihn nicht mehr tragen. Doch bevor er sich auf die Couch setzen konnte, erklang ein herzzerreißendes Weinen. Drang durch Mauern und Fenster. Er rannte in den Vorgarten, von dort auf die Straße. Jedoch nirgendwo ein Kind zu sehen.

Nur die Alarmanlage seines Porsche hupte wie besessen. „Marlis!“, durchfuhr es ihn wie ein Blitz. War sie zu ihren Eltern gefahren? Und vor allem, war sie unversehrt dort angekommen?

 

Unterwegs schalt er sich selbst. Bestimmt war nur eine Katze auf den Wagen gesprungen und hatte den Alarm ausgelöst, bestimmt schlief Marlis schon tief und fest in ihrem ehemaligen Kinderzimmer. Aber warum schnürte ihm die Angst die Kehle zu? Wenige Minuten später bog er in Marlis Heimatdorf ein.

 

Vor dem Haus seiner Schwiegereltern stand ein Krankenwagen. Während Tom noch einparkte, öffnete sich die Haustür und jemand wurde auf einer Bahre hinausgetragen. Tom rannte hinzu und erkannte gleich das zarte Gesicht, umrahmt von langen dunklen Haaren.

„Marlis, ich bin da, alles wird wieder gut!“ rief er, aber der Pfleger verschloss ohne Zögern die Türen der Ambulanz.

 

„Ihre Frau hat einen guten Schutzengel!“, sagte der Frauenarzt wenige Stunden später zu Tom. „Die Blutungen haben sehr schnell aufgehört, das Embryo ist wohlauf. Übrigens, sie möchte das Kind „Manuel“ nennen. Ein verheißungsvoller Name! Nun … ich will sie nicht länger aufhalten. Gesegnete Weihnachten wünsche ich Ihnen!“

Tom schluckte. „Danke, Ihnen auch, frohes Fest.“

Der Arzt lächelte, dann entfernte er sich. Ein Lichtschimmer, wie Sternenstaub, folgte ihm.

Tom wischte sich die Augen. Ein Schutzengel? Soll ich das glauben oder nicht? Vielleicht gibt es zumindest Weihnachten wirklich …

 

Dann öffnete er behutsam die Tür zum Krankenzimmer. Marlis lag mit geöffneten Augen da und hielt sich die Hände schützend vor den Bauch. „Tom?“, flüsterte sie.

„Pst! Du musst dich jetzt schonen. Dich und diesen … Weihnachtsengel!“ Er strich ihr eine dunkle Strähne aus der heißen Stirn. „Ihr seid doch das Liebste, was ich auf der Welt habe!“

„Ihr?“

„Ja!“ Er räusperte sich und wie ein Bote, der eine gute Nachricht bringt, stellte er sich aufrecht in den Raum. „Hiermit sei es der Welt gekündet: Ab heute sind wir drei! Marlis, Tom und Manuel! Frohe gesegnete Weihnachten wünsche ich euch allen!“

 

Zum Briefprojekt: Resonanzbild und Gedicht zu Paul Klees „Engeln“


Resonanzbild zu Paul Klees "Engel zu drei": "verwoben"
„verwoben“

verwoben
im Tanz des Lebens
den Tod besiegen

im endlosen Reigen
die Engel zu drei
und doch
glaub ich’s nicht ganz

Holda Stern 5.11.2015

Lange habe ich über dieses Bild nachgedacht. Das Resonanzbild zu Paul Klees „Engel zu drei“ hat sich Zeit gelassen …
Eine unruhige Nacht brachte die Auflösung. Ich würde die drei Engel tanzen lassen als drei Primärfarben, die einander berühren, ineinander fließen und neue Farben bilden: Grün, Orange und Lila.
Jede dieser Farben hat ihre eigenen Bedeutungen. Ich sehe sie an den Zyklus des Lebens gebunden.

So zum Beispiel ist Grün die Hoffnung, aber auch Neubeginn, Lebensanfang.
Orange erinnert mich an den Herbst: Die Früchte hängen prall an den Bäumen, erntereif wie so Manches im Leben, wenn es sich lange genug und unter guten Bedingungen entwickeln konnte.
Zugleich läutet die Ernte aber auch die kommende Ruhe ein. Ist es ein Absterben oder doch eher das verborgene Hinübergehen in ein anderes oder neues Leben? Lila ist die Farbe der Trauer und auch eines vollkommenen, vergeistigten Seins.
Das Weiß der Flügel erinnert mich an den Schnee, der im Winter alles zudeckt. Unter dieser Schneedecke geschieht Geheimnisvolles.
Blau erinnert an Himmel, für mich auch Leichtigkeit.
Rot ist die Farbe der Liebe, energetisch geladen.
Gelb widerspiegelt das Licht, ohne das nichts möglich im Leben ist.

Farben haben so unendlich viele Bedeutungen wie wir dem Leben Sinninhalte geben können und dürfen!

Mir ist während des Malens meiner letzten Bilder aufgefallen, dass ich darin die innere Aufruhr verarbeite, die die Geschehnisse in der Welt – vor allem in Paris, aber auch die Flüchtlingswelle – in mir hervorgerufen haben.
So habe ich auch ein Bild in Acryl gemalt, das ein bedrohliches Meer sowie eine dunkle Sonne inmitten von blutroten Wolken zeigt. Ich möchte noch eine Friedenstaube hineinmalen, aber etwas sträubt sich in mir dagegen. Wenn das Bild fertig ist, werde ich es euch zeigen.
Letzte Woche habe ich ein Bild begonnen, das dem Dunkel eine Lichtbotschaft entgegensetzt. Das wird mein Beitrag zum ersten Advent!

Bis dahin wünsche ich euch allen alles Gute und Licht in euren Tagen!

Holda Stern

aus dem Mal- und Schreibprojekt zu den Engelbildern von Paul Klee


Mit einer lieben Freundin „arbeite“ ich seit über einem Jahr an einem Mal- und Schreibprojekt. Wir malen Resonanzbilder zu den Engelbildern von Paul Klee und schreiben einen Resonanz-Text oder Gedicht oder Gedanken dazu.

Wir lesen parallel ein Buch, in dem Ingrid Riedel Klees Engelbilder kommentiert. Wir versuchen allerdings unsere eigenen Gedanken und Ideen zu Papier zu bringen.
Eigentlich habe ich es gar nicht so mit Engeln. Obwohl mir hin und wieder im Leben seltsame, kaum erklärbare Dinge widerfahren sind. Zum Beispiel Stürze, die ich völlig unversehrt überstanden habe, obwohl das im Nachhinein betrachtet unmöglich sein kann.

Ingrid Riedel interpretiert die Engel als Persönlichkeitsanteile, die in Paul Klee heranwachsen. Innere Seelenanteile, die von einem kindlichen zu einem erwachsenen, vollkommenen Engel heranwachsen.
Etwas in mir sträubt sich da. Ich fühle es mehr so, dass der „Engel“ in mir von Beginn an „fertig entwickelt“ da ist, wie eine innere Kraft. Eine Kraft, die aber sehr fragil ist. Bedroht. Ein Engel, der sich oft duckt. Dann sich wieder aufbäumt. Der aber nicht kleinzukriegen ist. So eine Art Stehaufmännchen. Mein innerer Engel (zugleich eine Engelin) hat viele Facetten und das widerspiegelt sich in den Zeichnungen und Texten.

Ich habe nicht das Gefühl, dass mein Engel sich entwickeln muss. Ich muss mich entwickeln, mein innerer Engel bleibt.

Ich bin gespannt, wo uns dieser Austausch hinführt. Paul Klee hat viele Engelbilder gemalt!

Kürzlich waren wir in Düsseldorf die Ausstellung von Joan Miró schauen. Ich war fasziniert von seiner Idee auf diese Weise zu malen. Das hat mich zum folgenden Engelbild inspiriert in Antwort auf Paul Klees Bild „in Engelshut auf steilem Weg“:

Resonanzbild zu Paul Klees Engelbild "in Engelshut auf steilem Weg"
Resonanzbild zu Paul Klees Engelbild „in Engelshut auf steilem Weg“

ich bin
mit meinen Engeln
auf steilem Pfad gewesen

meine Engel waren schlauer als

ich
habe gekämpft
bis zum Ende

und das war bitter

schmeckte mir
das Leben, das
ich trank

bis ich beschloss
loszulassen

los
zu lassen

l o s z u l a s s e n

Α ellnsssz Ω

Α Ω

geschrieben im August 2015 von Holda Stern

N.B. Da diese Freundin in Luxemburg wohnt (wenngleich sie aus Deutschland kommt),  schicken wir uns die Zeichnungen und unsere Texte meist zu. Die Bilder haben daher auch Briefformat. Einige Motive werde ich eines Tages großformatig mit Acrylfarbe malen. Da denke ich mit Vorfreude dran 🙂

Liebe Grüße Euch allen und einen erholsamen Sonntag!