Die antike Standuhr, der Narr und die Orchidee


Im Flur steht eine antike Standuhr.
In ihrem Schnitzwerk haust ein Narr.
Er bewacht die Zeit.

Die Menschen gehen, rennen, hasten vorüber.
Achtlos.
Sie glauben fest daran, sie könnten die Zeit anhalten …

Der Narr aber weiß:
Die Zeit fließt.
Wie ein schwerer, reißender Strom.
Unaufhaltsam.
Zugleich majestätisch.
Zur Ewigkeit hin.

Darum lacht der Narr.
Und darum sind alle Sorgen, Aufregungen und Ärgernisse für ihn nichtig.
Nichtig wie Kopfläuse.
Kopflos wie Zirkusflöhe.

Der Narr hat seinen Frieden gefunden,
er streckt der Zeit die Zunge raus
und verharrt selbst in Ewigkeit und Ruhe.

Derweil die Orchidee zu seinen Füßen um ihre Blüte weint …
„Du Närrin“, ruft er ihr zu, „dachtest du tatsächlich, du könntest die Zeit überlisten?“

Holda Stern, Juni 2012

Dies ist eine Geschichte, die aus meinem vorigen Blog stammt. Nachdem ich heute eine super Ausstellung besuchen war, von einer Künstlerin namens Annette Dyba, bin ich mit so Gedanken um Zeit, Vergänglichkeit und Ewigkeit nach Hause gefahren. Diese Geschichte ist mir unterwegs wieder eingefallen. Die Standuhr steht vermutlich heute noch in einem „Haus der Begegnungen“, wo ich einige Jahre eine Poesiewerkstatt besuchte. Der Narr streckt die Zunge raus, er schaut jedem Besucher in die Augen, der die Zeit lesen will. Ja, und die Orchidee stand tatsächlich traurig auf einem Beistelltischchen davor. Ich habe den Figuren bloß zugehört in ihrem Zwiegespräch 🙂

Dann zeige ich euch hier noch ein Bild von mir, das irgendwie passt: Es geht um Zeit, Krieg und Kunst.

Freie Kunstschule
Zeit, Krieg und Kunst

Liebe Grüße von Holda Stern an alle LeserInnen und alle, die mich in irgendeiner Weise begleiten!